Im Nest wird’s ungemütlich – Über Selbstwirksamkeit und Unternehmertum


Das Adlerweibchen bringt den Jungen das Fliegen bei, indem es ein so ungemütliches Nest baut, dass sie gezwungen sind, dieses zu verlassen und sich der unbekannten Umgebung anzuvertrauen.

Warum macht eine gute Mutter so etwas?


Damit die Jungen das Nest verlassen und fliegen lernen.

Ob Adler das tatsächlich so handhaben, sei dahingestellt. Aber als Bild gefällt mir diese Geschichte sehr gut.

 

Denn wir machen es heute oft genau andersherum.


Wir polstern.


Für unsere Kinder sowieso. Wir fahren Vergessenes hinterher, wir lösen Probleme, bevor sie überhaupt entstehen und nennen es Fürsorge. Helikoptereltern sind professionelle Nestpolsterer.

Dabei nehmen wir Menschen womöglich ausgerechnet eine der wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens, nämlich festzustellen:

Ich kann das selbst.

Psychologen nennen das Selbstwirksamkeit.

Und die entsteht nicht, weil uns jemand sagt, wie großartig wir sind. Sie entsteht, wenn etwas schwierig ist und wir feststellen: Ich bekomme es trotzdem hin.

Vielleicht fasziniert mich deshalb das Gründen so. Gründende verlassen freiwillig ziemlich bequeme Nester. Plötzlich gibt es niemanden mehr, der entscheidet. Niemanden, der am Monatsende garantiert das Gehalt überweist. Dafür gibt es Kunden, die Nein sagen, Rechnungen, die trotzdem bezahlt werden müssen, und morgens gelegentlich die Frage, ob das alles eine besonders gute Idee war.




Und dann gelingt etwas.
Der erste Auftrag. Der erste eigene Kunde. Ein Problem, von dem man gestern noch keine Ahnung hatte, ist heute gelöst.

Ich kann etwas bewirken.

Das ist vielleicht eine der wertvollsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann.

Und sie lässt sich nicht schenken.

Man kann unterstützen, beraten, fördern, auffangen. Aber irgendwann muss man aufhören, das Nest immer noch ein bisschen weicher zu machen.


Das gilt für Kinder.

Für Gründende.

Für Unternehmerinnen und Unternehmer.

Für Unternehmensnachfolgende.

Und vielleicht sogar für eine ganze Gesellschaft.


Denn Sattheit ist zunächst etwas Wunderbares.

Nur: Wer vollkommen satt ist, muss sich nicht bewegen.


Wir brauchen daher vermutlich nicht immer noch bequemere Nester.

Vielleicht brauchen wir wieder mehr Zutrauen in die Flügel des Gegenübers.

Ein gutes Nest schützt.
Ein zu gutes Nest kann auch schaden.


Autorin dieses Beitrags:

Katja Peteratzinger, Internationale Diplom-Betriebswirtin (FH) mit Schwerpunkt Marketing, beratende Expertin im  RKW Hessen-Unternehmensberater-Kompetenzteam der RKW Hessen GmbH, Unternehmerin und Publizistin. Innovatorin des Regional Value Creator Index. Powerfrau und Ocean-Ambassador bei Seaqual Initiative, Treibende Kraft hinter der Initiative Powerregionen.

#Alle Rechte vorbehalten. Bilder: KI-generiert.

 

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