Nichts als heiße Luft
Wie ein niederländischer Tüftler ausgerechnet mit „heißer Luft“ die Küchenwelt veränderte
Früher war „heiße Luft“ eine Beleidigung.
Politiker produzierten heiße Luft.
Werber produzierten heiße Luft.
Manager in Talkshows sowieso. Heiße Luft stand für große Worte und wenig dahinter.
Dann kam ein niederländischer Ingenieur und machte daraus eines der erfolgreichsten Küchengeräte der Gegenwart. Der Airfryer ist vielleicht die einzige Milliardenidee der Welt, die tatsächlich fast nur aus heißer Luft besteht. Der Mann dahinter hieß Fred van der Weij. Und obwohl heute Millionen Menschen seine Erfindung benutzen, kennen die wenigsten den Namen dieses Innovators.
Der stille Tüftler aus Almere
Fred van der Weij wurde Anfang der 1960er Jahre in den Niederlanden geboren und lebte später in Almere, einer Planstadt nahe Amsterdam. Er war kein schillernder Unternehmer und kein typischer Startup-Gründer mit Hoodie und Investorenpräsentation. Eher das Gegenteil. Wer ihn beschreibt, spricht von einem ruhigen, analytischen Menschen. Von einem Ingenieur, der lieber tüftelte als sich selbst zu vermarkten. Einer, der Werkstattluft liebte und technische Probleme knackte wie andere Menschen Kreuzworträtsel.
Schon früh arbeitete van der Weij im technischen Bereich, entwickelte elektronische Lösungen und beschäftigte sich mit Produktideen. Die große Öffentlichkeit kannte ihn nicht — und wahrscheinlich störte ihn genau das auch nicht. Denn Fred van der Weij gehörte zu jener seltenen Sorte Erfinder, die weniger vom Ruhm als von der Lösung eines Problems angetrieben werden. Dieses Problem hieß:
Pommes.
Die Sache mit den Pommes
Die Geschichte beginnt nicht in einem Hochglanzlabor.
Nicht im Silicon Valley.
Nicht einmal in einer Restaurantküche. Sondern mit fettigen, labbrigen Pommes und einer simplen Frage: Wie bekommt man etwas knusprig — ohne es in Öl zu ertränken?
Anfang der 2000er Jahre beginnt van der Weij in seiner Werkstatt zu experimentieren. Die ersten Prototypen wirken laut späteren Berichten wie eine Mischung aus Hundehütte, Heizlüfter und gescheitertem Bastelprojekt. Holzplatten, Drahtgitter, Aluminiumteile. Die Ergebnisse: außen verbrannt, innen gefroren. Die meisten hätten aufgegeben. Er macht weiter.
Denn irgendwo zwischen Luftstrom, Temperatur und Garzeit erkennt van der Weij etwas Entscheidendes: Wenn heiße Luft schnell genug zirkuliert, kann sie Fett zumindest teilweise ersetzen. Nicht emotional.
Aber physikalisch. Und genau daraus entsteht später ein Milliardenmarkt.
Der Ingenieur hinter der Rapid Air Technology
2005 meldet Fred van der Weij seine Technologie zum Patent an. Das Prinzip dahinter klingt simpel, ist technisch aber hochpräzise: extrem schnelle Heißluftzirkulation in einem kompakten Garraum. Die Luft sollte Lebensmittel nicht einfach nur erhitzen, sondern sie möglichst gleichmäßig umströmen — schnell genug, um außen jene knusprige Bräunung zu erzeugen, die Menschen eigentlich von frittiertem Essen kennen. Van der Weij nennt das System später „Rapid Air Technology“. Ein Name, der nach Marketing klingt, aber zunächst reine Ingenieurssprache war.
Schließlich wird Philips auf die Entwicklung aufmerksam. Der Konzern erkennt das Potenzial und bringt 2010 auf der IFA in Berlin den ersten kommerziellen „Airfryer“ auf den Markt. Der Rest ist Küchengeschichte.
Die Revolution auf der Küchenarbeitsplatte
Der Airfryer traf einen historischen Moment perfekt. Die Menschen wollten gesünder essen.
Schneller kochen.
Weniger Strom verbrauchen.
Weniger Fett.
Weniger Aufwand. Der Airfryer lieferte genau das. Dann explodierte der Trend.
TikTok entdeckt Airfryer-Rezepte.
Supermärkte drucken „airfryergeeignet“ auf Verpackungen.
Fitness-Influencer feiern knusprige Chicken Wings ohne Fritteuse.
Singles machen Abendessen darin.
Familien komplette Mahlzeiten.
Studenten praktisch alles. Die Welt verliebt sich in heiße Luft.
Das Verrückteste daran: Der Erfinder wurde nicht zum Superstar
Und genau hier wird die Geschichte wirklich interessant. Denn Fred van der Weij wurde nicht zum Steve Jobs der Küchenwelt. Er gründete keinen Weltkonzern. Verbrannte keine Business-Angel-Millionen.
Wurde nicht über die Bühnen des Gründer-Ökosystems gereicht.
Keine Glamourmarke.
Kein Milliardenimperium.
Ja, er verdiente Geld mit seiner Idee. Philips lizenzierte seine Technologie, niederländische Berichte sprechen davon, dass er „einen guten Schlag gemacht“ habe. Wahrscheinlich wurde er wohlhabend. Aber die richtig großen Milliarden verdiente später die Industrie drumherum: Konzerne, Händler, Zubehörhersteller, Lebensmittelmarken. Fast jeder kennt das Produkt. Kaum jemand kennt den Erfinder.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe. Wir leben in einer Zeit, in der ständig von Innovation gesprochen wird. Von Startups, Disruption, Skalierung und dem nächsten großen Ding. Gründer werden über Bühnen gereicht, Investoren feiern Visionen und Pitchdecks, als wären sie schon das Produkt. Es erinnert an jene berühmte Szene aus einem Investoren-Pitch: „What do you have, what we don’t have?“
Die Antwort lautet nicht:
Marketing.
Kapital.
Buzzwords.
Sondern einfach: Der Mensch hinter der Technologie.
Und genau das war Fred van der Weij.
Denn die spannendsten Innovationen entstehen oft nicht dort, wo am meisten über Innovation geredet wird. Manche verbrennen Investorengeld.
Andere lösen Probleme. Fred van der Weij gehörte zur zweiten Sorte. Irgendwo in einer Werkstatt in den Niederlanden saß ein Ingenieur und dachte einfach über bessere Pommes nach. Und am Ende veränderte genau das Millionen Küchen weltweit.
Vielleicht erzählt der Airfryer mehr über unsere Zeit, als wir denken
Denn eigentlich verkauft der Airfryer nicht nur Essen. Er verkauft ein Lebensgefühl. Genuss ohne schlechtes Gewissen.
Geschmack ohne Fett.
Komfort ohne Aufwand.
Schnelligkeit ohne Verzicht. Die moderne Gesellschaft in einer Küchenschublade. Und vielleicht ist das die schönste Ironie dieser Geschichte: Dass ausgerechnet „heiße Luft“ irgendwann mehr Substanz bekam als viele große Versprechen unserer Zeit. Fred van der Weij starb 2022 an Krebs.
Doch seine Idee lebt weiter. Jedes Mal, wenn irgendwo ein Airfryer aufklackt, heiße Luft durch einen kleinen Garraum schießt und jemand denkt: „Ach komm. Ein paar Pommes gehen noch.“
Fred van der Weij
Fred van der Weij war ein niederländischer Ingenieur, Produktentwickler und Erfinder der Airfryer-Heißluftfritteuse. Seine Erfindung revolutionierte das Frittieren, indem sie heißer Umluft statt Öl nutzte, und wurde weltweit ein Erfolg. Er verstarb 2022 im Alter von 61 Jahren.
Zentrale Fakten
- Geboren: um 1961, Almere, Niederlande
- Gestorben: 2022, Echten, Friesland
- Unternehmen: APDS Development BV (Applied Product Development Services)
- Bekannt für: Erfinder der Airfryer (2010, gemeinsam mit Philips)
- Beruf: Maschinenbauingenieur und Produktentwickler
Frühe Laufbahn und Ausbildung
Van der Weij studierte Maschinenbau an der MTS in Breda und absolvierte weitere betriebswirtschaftliche und technische Studiengänge. Seit Mitte der 1980er-Jahre arbeitete er in der Produktentwicklung und CAD-Programmierung. Mit seinem Unternehmen APDS Development BV spezialisierte er sich auf angewandte Produktentwicklung und Prototyping, unter anderem unter Einsatz von 3D-Drucktechnologien.
Die Erfindung der Airfryer
2005 begann Van der Weij an einer Methode zu tüfteln, um Pommes ohne Öl zu frittieren. Nach mehreren Prototypen gelang es ihm, eine Kombination aus Heizelement und Hochgeschwindigkeitslüfter zu entwickeln, die Speisen mit zirkulierender heißer Luft knusprig macht. 2010 brachte er das Gerät gemeinsam mit Philips auf den Markt. Der Markenname „Airfryer“ wurde schnell weltweit bekannt und steht heute synonym für Heißluftfritteusen.
Wirkung und spätere Projekte
Die Airfryer leitete in vielen Haushalten den Abschied von traditionellen Fritteusen ein und gilt als gesündere, geruchsärmere Alternative. Neben seiner bekanntesten Erfindung engagierte sich Van der Weij auch in Innovationsprojekten, etwa in der Pandemiezeit, als er 3D-gedruckte Lösungen zur Eindämmung von COVID-19 entwickelte.
Vermächtnis
Fred van der Weij wird als kreativer, praxisorientierter Entwickler erinnert, der mit seiner Airfryer einen neuen Küchentrend und eine nachhaltigere Kochweise inspirierte. Seine Arbeit verband Ingenieurkunst mit Alltagsnutzen und beeinflusste den globalen Haushaltsgeräte-Markt nachhaltig.
Autorin dieses Beitrags:
Katja Peteratzinger, Internationale Diplom-Betriebswirtin (FH) mit Schwerpunkt Marketing, Publizistin und Regional Value Creator.
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